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Kurzrezension: Franz Fühmann – Das Judenauto

Kennt ihr das, wenn ein Gerücht die Runde macht und die Leute einem praktisch alles glauben? Sicherlich. In der Kurzgeschichte „Das Judenauto“ von Franz Fühmann geht es um die Nachbearbeitung des Judenhasses im dritten Reich auf eine wirklich naive und kindliche Art und Weise.

Alles beginnt damit, dass ein Gerücht in der Schule die Runde macht – ein gelbes Auto, besetzt mit messerbewaffneten Juden fährt jeden Abend einen verlassenen Feldweg entlang, begegnet ihnen ein junges Mädchen, wird es in den Wagen gezogen, vergewaltigt und ermordet. Der Protagonist der Geschichte glaubt diesen Mythos auf Anhieb und begibt sich eines Abends in die Gegend, in der das sogenannte Judenauto immer umherfahren soll. Er sieht ein Auto, und nachdem er es kurze Zeit beobachtet hat, erkennt er in der Ferne, dass es sich in jedem Fall um das Judenauto handeln muss – immerhin ist es ja gelb. Er flüchtet vor dem Wagen, als dieser ihn verfolgt. Am nächsten Morgen ist eben genau dieser Vorfall das Gesprächsthema Nr. 1, er entpuppt sich jedoch als überraschend anders, und sorgt indirekt dafür, dass der junge Protagonist eine Neigung gegen Juden hat.

Meine erste Kurzgeschichte von Franz Fühmann, die nicht nur durch ihre Kürze, sondern auch durch den pregnanten Inhalt glänzt. Nichts ist so unschuldig wie ein Kind, und gleichzeitig doch so vorurteilbelastet und unwissend, sodass sich der Protagonist in der Handlung ideal für ein Exempel eignet. Die Geschichte liest sich flott und beschäftigt auch noch nach der Lektüre durch seinen allegorischen Wahrheitsgehalt.
Ein schöner Einstieg für eine Betrachtungsweise des Judenhasses nach dem 2. Weltkrieg zu Zeiten der DDR.

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Ohne Ausweg

Stell dir vor, du wirst zu Tode verurteilt und fällst nach der Verkündigung des Urteils in Ohnmacht. Nach einiger Zeit, du weißt nicht wie lange du nicht bei Bewusstsein warst, wachst du in einem dunkeln Raum auf, in dem kein Licht ist, deine Arme sind gefesselt. Du tastest dich entlang der Wände, welche dir zeigen, wie groß dieser Raum ist, aus dem du scheinbar nicht mehr herauskommst.
Du fällst hin, dein Kinn landet auf dem harten Boden – doch der Rest deines Kopfes ragt über einen tiefen Abgrund. Ohne Ausweg weiterlesen

Hinter geschlossenen Türen

Kurzrezension: Mit der Kurzgeschichte „Die Morde in der Rue Morgue“ schafft Edgar Allan Poe im Jahre 1841 die erste Detektivgeschichte.

C. Auguste Dupin ist ein Mensch mit unglaublich guter Aufnahmefähigkeit, er beobachtet und kombiniert, und kann so mit viel Scharfsinn die eigentümlichsten Kriminalfälle aufdecken.
Unser Protagonist lebt derzeit in Frankfreich und bezieht mit einem neu gewonnenen Freund ein Haus in der Hauptstadt Paris, als er einen Bericht über einen Doppelmord in der Zeitung liest. Der Fall handelt von zwei Frauen, Mme Esplanaye und ihrer Tochter, die beide mit hoher Gewalteinwirkung in ihrer Wohnung im vierten Stock umgebracht wurden. Der Raum war verschlossen, sodass sich nicht erklären lässt, wie der Mörder aus der Wohnung fliehen konnte ohne entdeckt zu werden – denn kurze Zeit später wurde sich bereits von einigen Ohrenzeugen und der Gendarmerie Zugang zum Raum verschafft. Dupin, der sich durch die Zeugenaussagen einen Eindruck vom Geschehen machen konnte, erhascht daraufhin einen Blick auf den Tatort. Durch einzelne Hinweise, die selbst sein Freund nicht im ersten Moment wahrnimmt, kommt er zu dem Fazit, dass kein Mensch diese Greueltat vollbracht haben kann, sondern ein übermächtiges Tier – ein Orang-Utan.

„Die Morde in der Rue Morgue“ stellt die erste richtige Detektivgeschichte der literarischen Neuzeit dar, und gilt als Inspirationsquelle für weitere Kriminalgeschichten wie bspw. die Sherlock Holmes Fälle des Autors Sir Arthur Conan Doyle. Zudem trifft der Leser hier erstmals auf das Prinzip des „Mordes im geschlossenen Raum“, was den Fall in jedem Fall sehr rätselhaft und mysteriös wirken lässt. Auch diese Technik findet sich heute in vielen Detektivgeschichten wieder. Die Aufklärung des Mordes mag dennoch verwirrend sein – denn kein normaler Mensch geht davon aus, dass ein entlaufener Orang-Utan eine solch schreckliche Tat vollbringt. Poe zeigt hier, dass er nicht ausschließlich gruselige Gothic-Geschichten schreibt, sondern auch eine gut kalkulierte Kriminalgeschichte mit einem interessanten Plot präsentieren kann.

Die Literatur bei Amazon:
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Die Morde in der Rue Morgue (gebunden)

Ein Geist geht um

Der fromme Leser der Trivialliteratur mag vielleicht schon die ein oder andere Geistergeschichte gelesen haben, bei der sich der Leser immer wieder an klassischen Gruselelementen begeistern kann. Auch in den sogenannten Gothic Novels sind Gespenster eher böswilliger Natur, sodass der Leser noch das Gruseln lernt.
Anders aber in der 1887 von Oscar Wilde verfassten Erzählung „Das Gespenst von Canterville“, einer Art Kurzgeschichte die sich mit dem Dasein eines Geistes in einem britischen Anwesen befasst. Ein Geist geht um weiterlesen