Ein Hauch von Depression

81we9JbrdWL._SL1500_Alice Munro erhielt im vergangenen Oktober den Nobelpreis für Literatur. Ein Grund, sich eines ihrer Bücher zu schnappen und einige ihrer Kurzgeschichten zu lesen. Mit dem Buch „Himmel und Hölle“ habe ich versucht einen Einblick in die Munro’sche Erzählweise zu erlangen, und wurde mit einigen wertvollen Kurzgeschichten belohnt, von denen ich im Folgenden einige kurz vorstellen möchte.

Hasst er mich, mag er mich, liebt er mich, Hochzeit eröffnet das Buch, und handelt von dem Eingreifen zweier Jugendlicher in das Liebesleben einer erwachsenen Frau. Johanna ist Haushälterin und arbeitet für den Schwiegervater von Ken Boudreau, der sich gleichzeitig um dessen Tochter Sabitha kümmert. Als Ken Boudreau Johanna in einem Brief an seine Tochter lobend erwähnt, beginnt Johanna ihm heimlich in den Briefen Sabithas zu antworten. Sabitha, die dies schnell mitbekommt, bemerkt, dass ihr Vater Johanna nicht antwortet, und beginnt mit ihrer Freundin Edith Antwortbriefe für Johanna zu schreiben. Daraufhin beschließt Johanna Ken Boudreau die Möbel seiner verstorbenen Ehefrau zu schicken, und ihn selbst aufzusuchen, unwissend, dass er keinen ihrer Briefe je gelesen hat. Die Kurzgeschichte wirkt am Anfang bedrückend, der Leser glaubt, dass Johanna mit ihrer grenzenlosen Naivität enttäuscht wird, da die Brieffreundschaft stets fiktiv bleibt – das Ende hält jedoch ein ganz anderes Ergebnis bereit, als anfangs erwartet. Dennoch ist die Haushälterin durch ihre Unwissenheit Sympathieträgerin.

Der Bär kletterte über den Berg ist eine Geschichte über Fiona und Grant, ein älteres Ehepaar. Fiona beginnt nach und nach dement zu werden, woraufhin Grant beschließt sie in ein Seniorenheim zu bringen. Als er sie nach einem Monat das erste mal besuchen darf, scheint Fiona wie ausgewechselt – sie scheint sich nicht mehr an ihren Ehemann erinnern zu können und verbringt ihre Tage mit Aubrey, der kurzzeitig auch im Seniorenheim untergebracht ist. Grant entwickelt anfangs Eifersucht gegenüber Aubrey, doch als er merkt, dass Fiona nach dessen Abholung zu Grunde geht, bemüht er sich, Aubrey und Fiona wieder zusammen zu bringen. Der Bär kletterte über den Berg ist sicherlich traurig, dennoch birgt sie auch Hoffnung für Grant, der sich von der Ehe mit Fiona losreißen kann, und ihr mit seinen letzten Entscheidungen einen Gefallen tut, der auch sein Leben wieder in geregelte Bahnen wirft. Beim Lesen wird einem dennoch klar, dass man im Alter nie in der Situation sein will, einen Dementkranken zu betreuen, oder aber auch selbst an Demenz zu erkranken. Das Lesen macht Angst vorm Älterwerden, vor den Aufgaben, die kurz vor dem Tod auf einen warten und der ungewollten Flucht aus dem gewohnten Alltag. Die Erzählung wurde im Jahr 2006 unter dem Titel „An ihrer Seite“ verfilmt.

Die Kurzgeschichte Nesseln berichtet von einer Kindheitserinnerung, die sich bis in das Hier und Jetzt fortsetzt.  Die Protagonistin trifft nach vielen Jahren ihren ehemaligen Bekannten Mike im Ferienhaus ihrer besten Freundin wieder, der von Heute auf Morgen aus ihrem kindlichen Leben verschwand. Ein gemeinsamer Ausflug zu einem Golfplatz, bringt die beiden in eine intime Situation, der neben einem Kuss auch einen gewaltigen Nesselausschlag verursacht.  Ähnlich ist auch die Erzählung Was in Erinnerung bleibt.

Anders ist hingegen Trost, eine Erzählung über einen entlassenen Biologielehrer, der sich weigerte in seiner Schule etwas über Religion in seinem zu behandeln. Die Behandlung ist mit Abstand die religionskritiste in diesem Band – sie richtet sich vor allem gegen die amerikanischen Kreationisten.

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Alle Erzählungen in diesem Kurzgeschichtenband entsprechen in Etwa dem gleichen Schema – sie stellen das Hier und Jetzt ohne dramatischen Wendepunkt mit der Vergangenheit in Kontrast. Sie handeln von Liebe, Ehe und Freundschaft, alltäglichen Themen und Religion. Sie berichten von Erlebnissen, die die Vergangenheit zurück in die Gemüter der Protagonisten ruft, sie für einen kurzen Moment präsent macht, und dann wieder kompromisslos fallenlässt. Was nach dem Lesen bleibt ist nichts als ein leeres Gefühl von Traurigkeit, dass die depressiv anmutenden Geschichten leise nachklingen lässt. Gerade durch ihre Kürze entfalten sie ihre Wirkung, was in einem richtigen Roman wahrscheinlich nicht möglich wäre. Aus diesem Grund handelt es sich bei Munro’s Erzählungen keineswegs um reine Frauenliteratur, sondern um anspruchsvolle Literatur, die sicherlich auch für männliche Leser interessant wäre.

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