Ein moralischer Querschnitt

Tolstoi - Anna KareninaLew Tolstoj zählt neben Dostojewski, Gogol, Puschkin und Tschechow zu den großen russischen Schriftstellern. Mit seinem Romanepos Anna Karenina setzte er in den Jahren 1873-1878 einen Meilenstein der Weltliteratur, der bis heute unglaubliche 14 mal verfilmt wurde, und mit seinen 1200 Seiten auf den ersten Blick relativ abschreckend wirkt. Im Mittelpunkt der Handlung stehen 3 Ehen der russischen Adelsgesellschaft, in denen eben nicht nur gesellschaftliche, sondern auch emotionale Probleme zu bewältigen sind.

Als Darja (Dolly) Oblonskaja erfährt, dass ihr Ehemann Stepan Arkadjitsch sie mit einer anderen Frau betrogen hat, bricht für sie aus verständlichen Gründen eine Welt zusammen. Da ihr Gatte sich nicht in der Lage sieht sie zu besänftigen, reist seine Schwester Anna Arkadjewna Karenina aus St. Petersburg nach Moskau um mit Dolly zu reden, und das Ehepaar wieder zu versöhnen. Während ihres Aufenthalts lernt Anna den Offizier Alexej Wronskij kennen, der ebenso wie der Landwirt Konstantin Lewin um Dollys Schwester Kitty buhlt. Lewin macht Kitty einen Heiratsantrag, den diese zu Gunsten Wronskij’s ablehnt, der widerum verliebt sich aber in die verheiratete Mutter Anna Karenina, die sich, nach St. Petersburg zurückverkehrt, ebenfalls in ihn verliebt. Nachfolgend fokussiert sich Tolstoj auf die nun scheiternde Ehe Annas durch ihren Ehebruch mit Wronskij, und mit der Frage, ob Kitty am Ende mit Lewin zusammenkommen wird.

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Quelle: Wikipedia

Im Nachfolgenden möchte ich zwei Figuren des Romans vorstellen, deren Geschichten im Roman ganz klar im Vordergrund stehen – Anna und Lewin:

Anna Arkadjewna Karenina (geb. Oblonskaja) wurde im jungen Alter mit dem 20 Jahre älteren Staatsmann Alexej Alexandrowitsch Karenin vermählt und hat mit ihm einen gemeinsamen 8-jährigen Sohn namens Serjoscha. Die Ehe lässt sich eher als Zweckgemeinschaft einstufen. Anna lernt im Zug nach Moskau die Mutter Wronskijs kennen, die eine Bekanntmachung mit ihrem Sohn am Bahnhof zur Folge hat. Die beiden kommen sich in Moskau nur bedingt näher, ein gegenseitige Zuneigung entwickelt sich erst in St. Petersburg, wohin Wronkij der Karenina unaufgefordert folgt. Alexej Alexandrowitsch begreift relativ schnell, dass Anna im Begriff ist sie zu betrügen – nach einem Geständnis ist es seine Aufgabe zu entscheiden, ob eine Scheidung eine mögliche Lösung ist. Letztendlich entscheidet er sich gegen eine Scheidung, und nimmt Anna, die mittlerweile ein Kind von Wronskij erwartet, den gemeinsamen Sohn weg.

Konstantin Lewin ist Landwirt und ein ehemaliger Kommilitone von Stepan Arkajewitsch Oblonskij, dem Bruder von Anna. Schon seit seiner Studienzeit ist er in Kitty Scherbatskaja, die Schwester von Dolly, verliebt. Als er von seinem Landsitz einen Besuch nach Moskau unternimmt, nimmt er sich vor der 18-jährigen einen Heiratsantrag zu machen. Er traut sich, wird jedoch zugunsten Wronskijs abgelehnt – ohne zu wissen, dass Wronskij die Liebe Kittys nicht erwidert, kehrt Lewin voller Enttäuschung zurück aufs Land zurück und widmet sich der Wirtschaft und der Arbeit an seinem Buch. Erst Monate später, wagt er einen zweiten Versuch – mit Erfolg – und stößt auf Eheprobleme, die er so nicht hat kommen sehen.

tolstoi_ln01Wer sich in diese kompliziert wirkende Figurenkonstellation (vgl. Grafik) hineinfindet, erhält die Möglichkeit sich in das Russland des späten 19. Jahrhunderts hineinzuversetzen. Die Ehe bzw. die Thematik des Ehebruchs steht im Zentrum der Geschichte, ähnlich wie auch in Fontanes Effi Briest oder Flauberts Madame Bovary. Problemfeld ist hier der gesellschaftliche Druck im zaristischen Umfeld der Protagonisten. Ist eine Scheidung die einzig wahre Entscheidung, eine gescheiterte Ehe zu retten? Wird das gesellschaftliche Ansehen der Beteiligten darunter leiden? Oder um es mit Tolstojs Worten auszudrücken: „darf man die Liebe über alle gesellschaftlichen Konventionen stellen?“. Anna Karenina bietet mit Sicherheit einen Querschnitt von den wichtigen Themen jener Zeit, dazu zählen neben der Ehe auch Aspekte der Schulbildung von normalen Arbeitern, und der finanzielle Stand und das Dasein einer allein stehender Frau. Hier wäre ein „Happy End“ undenkbar.

Trotz unglaublich langer Textpassagen, die die Geschichte inhaltlich kaum voran bringen, begeistert der Roman vor allem durch seine weiträumig gestalteten Charaktere, jedem einzelnen Leben eingehaucht – sei es durch Handlungsabläufe oder Gedankenstränge, der Autor begleitet jeden einzelnen von ihnen auf seinem Weg. Die Multiperspektivität gibt dem Text eine Vielseitigkeit, die man sich auch bei anderen, modernen Schriftstellern wünschen würde. Der Roman stellt dem Leser zwar der Aufgabe des Wälzerlesens, gleichzeitig liest sich dieser aber mit großer Leichtigkeit, kaum ist man in die Story eingetaucht möchte man nämlich nicht mehr aufhören zu lesen. Tolstoj spendet mit Anna Karenina, so wie auch schon Marcel Reich-Ranicki in seiner Kolumne der FAZ schrieb, einen Funken von Trost, Hoffnung und Erkenntnis und lässt uns in einer ganz andere, dennoch realistische, Welt abtauchen. Wagt einfach einen Blick in dieses Buch und überzeugt euch selbst davon.

Ich kann euch als Buchausgabe ohne Bedenken die des Inselverlags empfehlen. Dies ist die aktuellste Auflage (ich besitze noch die ältere, jedoch aus dem selben Verlag): Anna Karenina: Roman (insel taschenbuch)

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