Die Motten

Christa Wolf – das war doch eine Schriftstellerin der DDR und sicherlich eine der bekanntesten deutschsprachigen Autorinnen der Gegenwartsliteratur. Im Dezember 2011 ist sie im Alter von 82 Jahren verstorben, nun erschien ihre letzte Erzählung „August“ postum im Suhrkamp Verlag. Eine traurige, wenn auch schöne Geschichte über einen Jungen, der als Waise der NS-Zeit in einem Krankenhaus aufwächst.

August ist noch jung, als seine Mutter stirbt. Er selbst überlebt einen fatalen Zugunfall und wird als Waise in einer auf Lungenkrankheiten spezialisierten Krankenhausklinik aufgenommen. Hier haben sie die „Motten“, Tuberkulose, die Behandlungsmöglichkeiten sind schlecht, und jeder weiß, dass nicht alle überleben werden. August berichtet aus der Retroperspektive nach seiner Zeit im Krankenhaus und nach seiner Hochzeit mit Trude – heute ist er Busfahrer, der Seniorengruppen von Warschau nach Berlin und wieder zurück transportiert. Auf einer seiner Fahrten erinnert er sich anschaulich an die Zeiten seiner Kindheit und Jugend, nicht an sein persönliches Schicksal denkend, sondern an die Patienten, mit denen er tagaus tagein zusammen lebte. Hier trifft der Leser nicht nur auf Augusts erste „Liebe“ Lilo, sondern wird ebenfalls mit dem Tod konfrontiert, der hier auswegslos geschildert wird.

Sprachlich ist die Erzählung recht einfach gestrickt, dennoch vermittelt sie eine ganz gewisse Form von Kälte und Hoffnungslosigkeit aus der Sicht des einzig gesunden Patienten, der lediglich in der Lungenklinik lebt, da er seine Eltern verloren hat. Das ausschweifende Leben der Oberärztin, die geschichtenlesende und fürsorgliche Lilo, die den Protagonisten lediglich als kleinen Jungen betrachtet, der Lehrer der die Schulnoten nach Haar- und Augenfarbe verteilt – all dies sind Charaktere, die sich auf kleinstem Raum zu August bewegen, und ihre eigenen Plätze nicht nur in der Geschichte, sondern auch in einer Krankenhausszenerie nach der Zeit des Dritten Reichs einnehmen.

Wolf lässt hier höchstwahrscheinlich auch eigene Erfahrungen einspielen, sie selbst hat in der DDR gelebt, August wächst in der russischen Besatzungszone auf. Der Westen wird im Allgemeinen als fortschrittlicher bezeichnet, vor allem die amerikanische Besatzungszone scheint die zu sein, die an den Medikamenten verfügt, an die das Klinikum in dieser Erzählung nicht herankommt und dafür sorgt, dass eine mögliche Tuberkulosetherapie für  die Patienten nicht in Frage kommt.

Eine gelungene und anschauliche Erzählung findet sich im „August“, welche inhaltlich keineswegs überladen wirkt sondern einfach nur von den Umständen eines Mannes erzählt, der seine Kindheit nicht auf den konventionellen Weg erleben durfte.

Bibliographie:
Titel: August
Autor: Christa Wolf
Verlag: Suhrkamp
Format: Taschenbuch
Preis: 14,95€
ISBN: 978-3-518-42328-8
Amazon: August

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