Kafkaeske Ukraine

Nichts ist so wie es scheint, als Anatol ­Grigorjevic eigentlich schon tot geglaubt auf einem Friedhof erwacht. Als er die Augen, die ihm zugenäht wurden, endlich öffnen kann, erblickt er vor sich einen schäbig aussehenden Hund. Er nennt ihn Celobaka – Menschenhund. Nach dem Treffen mit zwei älteren Frauen, die ihm freundlicherweise etwas zum Anziehen geben, entledigt er sich seiner restlichen Nähte und begibt sich mit dem Hund auf eine Reise quer durch die Ukraine.

Doch wieso ist Anatol angeblich gestorben, wenn er sich doch selbst sicher ist, dass er noch lebt? Irina, diejenige, die stets für Anatol geschwärmt hat, und ihn nicht einfach als tot akzeptieren wollte, hat versucht den Protagonisten mit einer Art Zauber wieder zu beleben, in dem sie versuchte seinen Tod gegen das Leben eines Hundes auszutauschen – was sie nicht weiß, ist, dass ihr Versuch Anatol ins Leben zurückzuholen gelang, wenn auch nicht vollständig.
Der Debütroman „Der potemkinsche Hund“ der österreichischen Autorin Cordula Simon, 2012 im Picus Verlag erschienen, ist in erster Linie eine merkwürdige, beinahe schon kafkaeske, Geschiche zweier Seelen die auf dem besten Weg sind sich zueinander zu verirren. Anatol ist wie ein Zombie und reist von Odessa bis nach Kiew und wieder zurück, nur um seine Identität erfolglos zurückzuerlangen, Irina reist durch planlos durch die Gegend. Beide treffen sich letztendlich ohne sich wieder zu erkennen, nachdem sie bereits so einiges erlebt haben.

Neben diesen beiden Charakteren und dem doch eher eigentümlichen Hund, erwarten den Leser weitere bizarre Gestalten, welche ihre eigenen Erfahrungen mit Anatol machen – sei es Anatols Nachmieter, sein Bestatter oder eben ein Verwaltungsangesteller, welcher sich weigert seine Todeserklärung rückgängig zu machen. All dies ist auf eine so authentische Art und Weise geschrieben, dass man sich selbst in die teils widerwertigen Szenen hineindenken kann und die Trostlosigkeit eines Landes verspürt, welches immer noch nicht weiß ob es sich zu Russland oder dem Rest Europas zählen kann.
Die Autorin Cordula Simon schafft es mit einem ausgesprochen sprachgewandten, wenn auch teils sehr rabiaten, Stil die Leserschaft in ihre Wahlheimat Odessa mitzunehmen, wo sie deutsche und russische Philologie studiert hat.

Das ukrainische Temperament, welches immer noch von der Sowjetunion geprägt ist, wirkt in erster Linie ungewohnt, sodass man sich zu Beginn wirklich erst in die Geschichte hineinarbeiten muss. Die Charaktere wirken auf ihre Art zwar kalt, rau und schmutzig, doch bei genauerer Betrachtung stellt man fest, dass gerade diese Charaktere menschlich sind und keinesfalls Perfektion anstreben.
Auf Übersetzungen einiger Fremdwörter haben sowohl die Autorin als auch das Lektorat weitesgehend verzichtet, sodass der Roman im Lesefluss authentisch wirkt und man ganz klar weiß, wo man sich in der Geschichte rund um den totgeglaubten Anatol befindet. Gleichzeitig befindet sich im Anhang eine Übersetzung der in kyrillisch geschriebenen, herausragend gewählten, Mottos, die einem nicht nur die russischsprachige Lyrik ein wenig näher bringen kann, sondern gleichzeitig auch ein osteuropäisches Lebensgefühl übermittelt.

Vor allem im Rückblick auf den gesamten Roman stellt dieses Buch eine wirklich gute Literatur dar, deren Thematik nicht nur neuartig und interessant wirkt, sondern auch gleichzeitig eine verstörende Geschichte zweier Personen charakterisiert, die sich zwischen Tod und Leben nicht mehr finden können, auch wenn sie sich näher kommen als jemals zuvor.

Im Rahmen dieser Rezension bedanke ich mich beim Picus Verlag und bei Blog dein Buch.

Bibliographie:
Titel: Der potemkinsche Hund
Autor: Cordula Simon
Verlag: Picus Verlag
Format: Hardcover
Preis: 19,99
ISBN: 3854526881
Amazon: Der Potemkinsche Hund

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