Old Werther lässt grüßen

Wer kennt sie nicht, „Die Leiden des jungen Werthers“? Das Werk Goethes gehört wohl zur gängigen Schulliteratur und hat seinerzeit für einige kuriose Selbstmordwellen gesorgt. Das war 1774. Das Buch um Werther beschäftigt auch heute noch und wurde bereits oft rezipiert. Eine solche Rezeption ist „Die neuen Leiden des jungen W.“ von Ulrich Plenzdorf aus dem Jahr 1972, Literatur, welche selbst außerhalb der DDR Bekanntheit erlangte.

Die Geschichte handelt von dem jungen Edgar Wibeau, der seine Ausbildung trotz guter Noten abbricht und sich in eine Laube in Ostberlin zurückzieht, welche den Eltern seines Freundes Willi gehört, um sich hier eine Karriere als Maler zu ermöglichen. In der Laube findet er auch eine Ausgabe vom Werther, welches er mit Gefallen liest. Zeitgleich lernt er eine bereits verlobte Kindergärtnerin kennen, welche er im Werther-Wahn Charlotte nennt. Edgar identifiziert sich zunehmend mit Werther, beginnt seinem Freund Tonbandaufzeichnungen zukommen zu lassen und empfindet die Originalgeschichte nach, inklusive dem Werther-Effekt.
Der kurze Roman, der ursprünglich ein Theaterstück war, ist im Jugend-DDR-Slang der 70er geschrieben, beim Lesen dachte ich ab und an mal an den lockeren Slang aus Anthony Burgess‘ Roman „Clockwork Orange“.
Neben der eigentlichen dramatischen Dreiecksgeschichte, wenn man sie denn so nennen mag, zwischen Edgar, Charlotte (Charlie genannt) und ihrem Verlobten Dieter, merkt man bereits zu Beginn, dass diese Erzählung die Perspektivlosigkeit und Traurigkeit der ehemaligen DDR unterstreicht.

Die Geschichte wird aus zwei Perspektiven aus der Retroperspektive erzählt, zum einen aus der Sicht von Edgar, der „postmortem“ von seiner Zeit in Berlin und der Bekanntschaft mit Charlotte und Dieter sowie seiner Zeit als Maler und Bauarbeiter berichtet, zum anderen aus der Sicht von Edgars Vater, welcher auf der Suche seinem verschollenen Sohn ist, der aber schon längst tot ist. Auf diese Weise klärt sich die ganze Geschichte lückenlos auf, um sowohl Edgars Aussagen als auch die einiger Zeugen zu lesen.
„Die neuen Leiden des jungen W.“ ist mit Sicherheit ein guter Einstieg in die Literatur der DDR, in der nicht nur die Jugend jener Zeit umleuchtet wird, sondern gleichzeitig die Intertextualität eines deutschen Klassikers des Sturm und Drang im Handlungsmittelpunkt steht. An der Ausgabe aus dem Suhrkamp Verlag ist leider nur eines zu bemängeln und zwar die große Schriftgröße, um das Buch wahrscheinlich nicht noch schmaler aussehen zu lassen. Ich bin wirklich auf das Buch von Plenzdorf „Die Legende von Paul und Paula“ gespannt, welches ich mir ebenfalls im Rahmen des DDR Seminars gekauft habe.

Bibliographie:
Titel: Die neuen Leiden des jungen W.
Autor: Ulrich Plenzdorf
Verlag: Suhrkamp Verlag
Format: Taschenbuch
Preis: 6,00€
ISBN: 978-3-518-36800-8
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