Die Misanthropie des Lebens

Der Roman „Vielen Dank für das Leben“ von Sibylle Berg, 2012 im Hanser Verlag erschienen, lässt bereits mit dem Titel eine gewisse Ironie durchscheinen.
Wer glaubt, dass es hier um schöne Dinge geht hat sich nämlich getäuscht. Hier wird nicht so getan als wenn das Leben schön sei, hier geht es um genau das, was uns tagtäglich begleitet und uns eigentlich so langsam ankotzen sollte. Den Leser erwarten Beobachtungen über ein ganzes Leben hinweg, aus der Sicht einer neutralen Persönlichkeit – dem Hermaphroditen Toto.

Als Toto in der DDR geboren wird ist er ein Nichts. Zweigeschlechtlich. Seine Mutter stirbt nach 5 Jahren und Toto, der auf seiner Geburtsurkunde stehen hat, dass er ein Junge ist, kommt in ein Kinderheim. Er ist anders als die anderen Jungen, schläft nicht in der selben Bettreihe wie die anderen und duschen muss er auch alleine. Doch wieso, das weiß er nicht. Und auch hier bekommt „das Nichts“ nach einiger Zeit den Spott, den kleine Kinder einem anderen Kind entgegenbringen können.
Nach dem „Verkauf“ an eine nachlässige und vor allem unverantwortungsvolle neue Familie flüchtet er in den Westen, um einen Neustart in der Kapitalistenwelt zu machen…doch auch hier kommt es nur zu misserfolgen in einer abartigen Gesellschaft, in der er nicht nur mit seiner Intersexualität, die ihn vorher nie gestört hat, sondern auch mit dem Überleben zu kämpfen hat.

Der Roman schildert auf grausamste Art und Weise die triste, festgefahrene Zwangsgesellschaft, die sich seit vielen Jahren nicht nur in Europa festgefahren hat. Von der sozialistischen DDR bis in den Kapitalismus in welchem sich Männer als auch Frauen nicht gegen das System richten, sondern sich in diesem ohne eigenen Willen beugen. Jeder spielt seine Rolle, und Toto der/die sich niemals mit der gesellschaftlichen Rollenverteilung beschäftigt hat und sich einfach nur als Mensch gefühlt hat, scheint der Einzige zu sein, der versucht ein ganz normales Leben zu führen – was aufgrund seiner Art stets misslingt. Dies Welt in die Sibylle Berg uns führt ist eine Welt voller Stereotypen, die alle versuchen ihre Vorteile ohne Rücksicht auf Verluste auszuspielen…es gibt keinen Gewinner in diesem Roman, es gibt nur sich fügende Charaktere und den/die mittleidserregende/n Toto, eine Person, die es niemals einfach hatte in ihrem Leben.

„Vielen Dank an das Leben“ ist die abgrundtief bösartige Abrechnung mit dem Alltag und der Tristesse, aus der sich selbst Toto nicht retten kann. Toto ist einfach das Paradebeispiel eines Charakters, der vollkommen anders – alleine schon durch sein Aussehen – gepackt wird und von der Gesellschaft hin und her geworfen wird.
Das Buch ist ein Exempel das aufzeigt wie man die Welt, in der wir zu leben scheinen, auch einmal anders betrachten könnte, und verdeutlicht wie grausam diese doch ist. Nichts wird einem geschenkt, und wer in ein Leben hineinwächst, in dem er eigentlich nicht geduldet wird, hat ganz eindeutig schlechte Karten.

Sibylle Berg fasziniert ohne Umschweife und schildert das gesamte Leben des, hoffentlich fiktiven, Toto fließend und ohne irgendwelche Euphemismen. Totos Leben ist wahrscheinlich das schlimmste was einem passieren kann, auch wenn er manche Unglücke einfach hinnimmt und akzeptiert, doch nur dadurch, dass er um zu leben in eine Gesellschaft passen muss, von dieser aber nicht vollends aufgenommen wird. Das Leben muss ein Misanthrop sein, sonst würde es uns bzw. Toto nicht so viel schlechtes antun. Sarkasmus in Perfektion seitens der Autorin.

Vielen Dank an den Hanser Verlag und Lovelybooks für dieses tolle Leseexemplar.
    

Bibliographie:
Titel: Vielen Dank für das Leben
Autor: Sibylle Berg
Verlag: Hanser Verlag
Format: Fester Einband
Preis: 21,90€
ISBN: 9783446239708
Amazon: Vielen Dank für das Leben: Roman

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