Zwei Welten

Anna ist anders. Nicht etwa weil sie anders aussieht, sondern weil sie in einer Gesellschaft lebt die nicht zu ihr passt. Ihr Vater hat sich umgebracht, ihre Mutter ist in einem Pflegeheim und unsere Protagonistin ist, nachdem sie aus Südafrika wiedergekehrt ist, mit dem schnöseligen Journalisten und Arbeitskollegen Ludwig zusammengekommen, der eigentlich gar nicht zu ihr passt und der die Beziehung aber lieber geheimhalten möchte.
Annas Leben ist nicht perfekt, und sie tut auch nicht so als wäre es auch nur annähernd perfekt.

Der Roman „Wenn die Nacht am stillsten ist“ von Arezu Weitholz erscheint am 05. September im Kunstmann Verlag und beginnt mit einem Monolog, welcher aufzeigt wie wenig Anna und Ludwig doch zusammen passen. Anna redet, Ludwig liegt bewusstlos (oder vielleicht doch schlafend) neben ihr, nachdem er versucht hat sich umzubringen.
Sie hat schon so vieles erleben müssen, ist durch die Welt gezogen, hat Leute sterben sehen, hat immer Verantwortung tragen müssen – das passt einfach nicht in Ludwigs heile Welt, der von Annas Eskapaden am liebsten gar nichts hören würde, denn bei ihm muss alles perfekt sein.

Der Tag vor Ludwigs Selbstmordversuch wird beschrieben – er trennt sich von Anna, woraufhin sie einfach geht, weil sie sowieso kurze Zeit später einen Anruf vom Pflegeheim bekommt…ihre Mutter habe mit einem Buch nach einem Pfleger geworfen. Anna besucht ihre Mutter und geht abends noch weg, und lässt durch einzelne Details ihr Leben retroperspektivisch an sich vorbeirauschen, sodass dem Leser hier klar wird, wieso sie mit Ludwig zusammengekommen ist, was sie alles schon für Sachen durchmachen musste, und dass sie in einer Welt arbeitet, die so von Oberflächlichkeiten regiert wird, in welche sie einfach nicht hineinpasst.

Die Autorin Arezu Weitholz die hier ihren ersten Roman vorlegt hat bisher für einige überregionale Tageszeitungen geschrieben, ist Texterin für Musiker wie beispielsweise Herbert Grönemeyer (man merkt ihr auch an, dass sie im Beruf viel mit Musik zu tun hat) und hat bereits zwei Lyrikbände – „Mein Lieber Fisch“ und „Merry Fischmas“ – publiziert (in ihrem aktuellen Roman taucht übrigens auch ein Fisch auf). Sie kommt ursprünglich aus Niedersachsen, sodass der Leser in „Wenn die Nacht am stillsten ist“ mit Anna auch durch einige niedersächsische Örtchen fährt.

Wer sich mit dem anfänglichen Monolog schwertut wird nach einigen Seiten „erlöst“, dennoch lohnt es sich diesen zu lesen, denn hier erfährt man eigentlich das, was Anna wirklich über Ludwig denkt. Sie wirkt viel ernster und erwachsener als im nachfolgenden Teil des Romans, in welchem dann in dritter Person weitererzählt wird. Der Roman begeistert nicht nur durch seine Optik sondern auch durch den Schreibstil der Autorin, welcher zwar locker und gut verständlich aber dennoch anspruchsvoll ist. Die Thematik ist gleichzeitig eine, in welche sich sicher manch einer hineinversetzen kann – eine Welt in die man einfach nicht passt, und in die ein ungeregeltes, ungezwungenes Leben einfach nicht passt, anschaulich dargestellt durch Annas Alltag, der zum Ende des Tages in einem Desaster enden wird.

Im Rahmen dieser Rezension möchte ich mich außerdem bei dem Verlag Antje Kunstmann und bei vorablesen.de für das Buch bedanken.
        

Bibliographie:
Titel: Wenn die Nacht am stillsten ist
Autor: Arezu Weitholz
Verlag: Antje Kunstmann
Format: Gebunden
Preis: 17,99€
ISBN:3888977754
Amazon: Wenn die Nacht am stillsten ist

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