Eine hoffnungslose Romanze

Die Thematik rund um den Nationalsozialismus ist sicher schon manch einer leid, dennoch wirkt der Roman „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink auf den ersten Blick eben nicht wie ein NS-Roman.
Alles beginnt mit Michael, der in seiner Schulzeit die Gelbsucht hat. Eine Frau, Hanna Schmitz, kommt ihm zur Hilfe als er sich vor ihrer Haustür übergeben muss. Er will sich bei ihr bedanken, die beiden werden zu einem ungewöhnlichen Liebespaar, denn den 15-jährigen Jungen und die Bahnangestellte Hanna trennen 21 Lebensjahre.

Die Treffen der beiden folgen immer einem Shema, sie treffen sich, er liest ihr aus seinen Büchern vor, sie nehmen ein gemeinsames Bad und schlafen dann miteinander. Michael scheint die Beziehung zu der älteren Frau nicht zu stören (und Hanna auch nicht, die Michael bereits für 17 hält), und so fahren die beiden auch in den gemeinsamen Urlaub und treffen sich auch so beinahe täglich. Er merkt nicht, dass seine Freundin weder lesen noch schreiben kann. Eines Tages verschwindet Hanna, da sie sich scheinbar von Michael hintergangen gefühlt hat. Erst Jahre später treffen sie wieder aufeinander – in einer Gerichtsverhandlung. Michael ist mittlerweile Jurastudent und nimmt an einem Seminar über NS-Gerichtsverfahren teil. In einer Gerichtsverhandlung trifft er auf Hanna, die als ehemalige Wärterin eines Außenlagers nun angeklagt wird. Hannas Aufgabe in dem Außenlager war es, Menschen auszuwählen, die später ins KZ kommen sollten, ihr blieb keine andere Wahl. Außerdem ließ sie es zu, dass einige Gefangene bei einem Kirchenbrand umkamen.
Durch Hannas Analphabetismus kommt sie vor dem Gericht in richtige Schwierigkeiten und bekommt nach einer langen Verhandlungszeit eine lebenslängliche Haftstrafe.
Michael (der kurze Zeit später heiratet, seine Frau aber auch wieder verlässt) ist mit seinen Gedanken immer wieder bei Hanna und kann auch bei anderen Frauen nur an sie denken und so fängt er an ihr wieder vorzulesen – dieses mal mit Kassetten und einem Aufnahmegerät. Hanna lernt selbst zu lesen, und wird nach 18 Jahren begnadigt…

Die Geschichte, die vorerst nur mit einer Beziehung zweier Menschen aus zwei verschiedenen Generationen zu spielen scheint, wirkt bereits zu Beginn bedrückend. Die Art wie Hanna und Michael miteinander umgehen ist zwar vertraut (vor allem durch ihr Lese-Bade-Ritual), gleichzeitig aber auch sehr distanziert, weil die Beziehung der beiden doch im engeren Sinne immer geheim gehalten wird. Auch später vermag Michael es nicht über die gemeinsame Beziehung zu reden.

Hanna hat nie das Lesen und Schreiben gelernt, und genauso wie die Beziehung zu Michael verschweigt sie auch ihren Analphabetismus. Sie gesteht lieber anderen Menschen nicht geholfen zu haben und bereitwillig in den Tod geschicht zu haben, als dass sie dieser lebensnotwendigen Fähigkeit nicht mächtig ist. Auch dadurch, dass sie sich die Gerichtsunterlagen und Textzeugen nicht durchgelesen hat, sorgt sie selbst für ihr Urteil, welches sonst sicher milder ausgefallen wäre.

Bernhard Schlinks Erzählung wirkt bedrückend, ohne Hoffnung und ohne große Ausschmückungen. Man merkt bereits anfangs, dass diese hoffnungslose Romanze zum Scheitern verurteilt ist, und dass sich diese dennoch durch das gesamte Buch ziehen würde. Einfühlsam und dennoch schnörkellos trist zieht sich der Leidensweg Hannas durch das gesamte Buch, und mit ihr leidend der Michael, der eigentlich versucht mit Hanna abzuschließen, es aber nicht kann.
Eine schöne, wenn auch schreckliche, Geschichte, die vielleicht auch ein anderes Auge auf die Mittäter werfen lässt (ungleich davon, dass sie dennoch schuldig sind).

Bibliographie:
Titel: Der Vorleser
Autor: Bernhard Schlink
Verlag: Diogenes
Format: Taschenbuch
Preis: 9,99€
ISBN: 3257229534
Amazon: Der Vorleser

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