Worum es (mir) geht

Geht es in einem Buch um das erzeugen von Spannung und der Flucht aus dem Alltag in eine neue und vor allem andere Welt? Das sollte es nicht immer tun.
Die nachfolgende Abhandlung könnte ziemlich lang werden, wer keine Lust hat sie zu lesen kann es auch bleiben lassen (und haltet mich jetzt bitte nicht für überheblich) 😉

(und falls ich gerade etwas aus dem Bereich Trivialliteratur lese, dann nur, weil es auf meiner Literaturliste steht, und ich da gerade Lust und Laune zu habe).

Wenn ich ein Buch lese, dann tue ich dies zwar in erster Linie zum Vergnügen, aber andererseits will ich aus einem Stückchen Literatur auch etwas für mich und mein Leben mitnehmen…etwas, was man aus den meisten Büchern die in größeren Buchläden vermarktet werden nicht mehr bekommen kann.

Das Studium
Ich habe vor ziemlich genau einem Jahr meine Zusage für ein Studium der Germanistik erhalten und bin daraufhin in das 400km entfernte Marburg gezogen…vorher hatte ich nicht so viel mit ernsthafter Literatur zu tun, und so blieben es nur Franz Kafka, E.T.A. Hoffmann und ein bisschen Ludwig Tieck, die mir die Schulzeit ein wenig versüßten und die mich zumindest annähernd zum lesen gebracht haben (während meiner Oberstufenzeit habe ich höchstens mal Schulliteratur in die Hand genommen).
Nach der Schule habe ich 6 Monate bei einem Industriefotografen praktiziert (mein ehemaliger Wunsch war es Design zu studieren), auf den Fahrten zur Arbeit habe ich gelesen…nichts anspruchsvolles, lediglich ein wenig triviales Geschreibsel von Autoren, die mit Sicherheit nie in einen ernstzunehmenden Kanon aufgenommen werden. Als ich das Studium aufnahm war ich also praktisch unwissend was das Thema Hochliteratur anbelangt. Wieso ich mich für den Studiengang entschieden habe? Ich wusste ganz genau, dass es das ist, was ich in meinem Leben will, etwas kulturjournalistisches oder redaktionelles, um eben das zu vermitteln was mich eigentlich zur Literatur gebracht hat.
So lernte ich also das Wesen der Literatur kennen. Im Studium wird einem nicht vorgegeben was man zu lesen hat, und so habe ich mir ab und an Titel aufgeschrieben von denen unsere Dozenten sprachen und machte mich selbst daran mir diese zu beschaffen und zu lesen. Bereits nach kurzer Zeit fand ich gefallen an dem was ich las und nahm mir vor mehr davon zu lesen.

Kunst & Kultur(geschichte)
Was mich schon immer an Literatur reizte war es, ein in sich schlüssiges Verhältnis von Büchern und dem Zeitgeschehen jener Zeit zu erfassen.
Zwar ist man noch lange kein Künstler (eher ein Handwerker) wenn man ein Buch schreibt, dennoch ist doch beinahe jedes Körnchen Literatur ein Stück Zeitgeschehen, vom Autor geformt und von der Gesellschaft bestimmt.
Eines der ersten Bücher welches mich vollends begeisterte war Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“…wir sollten in der 11. Klasse einen Buchvorschlag für eine gemeinsame Lektüre machen und mein Vorschlag war dieses Buch (da sonst niemand Ideen hatte, haben wir natürlich meinen Vorschlag angenommen, die Klasse dankte mir…nicht). Die ersten Zeilen dürften manch einem bekannt sein: „Als Gregor Samsa eines morgens aus unruhigen Träumen erwachte“, und eben diese Zeilen waren auch das Einzige was ich zuvor von dem Buch kannte. Die Geschichte ist für mich keine bloße Erzählung, sie traf den damaligen Zahn der Zeit, etwas, was ich selbst in der Schule nicht vermittelt bekommen habe – in einer Vorlesung zur Epoche des Expressionismus wurde mir erstmals überhaupt bewusst, wieso ausgerechnet der Vater/Sohn-Konflikt so wichtig für die Erzählung war…nicht nur, weil Kafka ein schlechtes Verhältnis zu seinem eigenen Vater hatte, sondern auch, weil dieser Konflikt ein allgemein gesellschaftskritischer Ansatz war.
Wer hat denn schon einmal ernsthafte Literatur gelesen, in der es nicht um Kritik ging? Bücher tragen schlechte Dinge zusammen, die einem vielleicht erst beim Lesen gewahr werden und einem so die Möglichkeit verschaffen sich in eine bestimmte Epoche zurückzuversetzen. Das „Hier und Jetzt“ in dem manche Autoren ihre Werke verfassen ist meiner Meinung nach meist ein Abbild einer nicht funktionierenden Gesellschaft (Beispiel wäre hier auch Effi Briest von Theodor Fontane).

Die Sprache
Manchmal lese ich Amazonrezensionen bevor ich mir ein Buch zulege, vor allem wenn es sich um anspruchsvollere Literatur handelt die ich für den Privatgebrauch kaufe. Ich fange mit den schlechtesten Rezensionen an, denn die sollten normalerweise das ausdrücken was das Buch nicht vollkommen perfekt macht. Dann trifft man auf Kommentare, in denen steht, dass das Buch doch so schwer zu lesen sei weil die Sprache zu komplex sei, und in dem Buch ja eigentlich nicht sonderlich viel passiere (sowas findet man übrigens meist auch eher bei Rezensionen von typischen Schullektüren). Und jedes Mal, wenn ich so eine Rezension lese, denke ich mir:“Wenn dich sowas stört, dann hast du den Sinn von Literatur nicht verstanden.“
Ich will nicht behaupten, dass ich mich gut mit Literatur auskenne, aber das Studium formt und prägt einem gewisse Grundzüge ein, die Literatur erfüllen muss. Zu Beginn des ersten Semesters kam natürlich die Frage auf, wobei es sich um Literatur handle…und ja, Stephenie Meyer und Joanne K. Rowling gehören gewiss nicht dazu. Denn wir kamen in diesem Kontext zu folgendem Merksatz:

Ein literarischer Text ist eine Sequenz von Laut- oder Schriftzeichen, die fixiert und/oder sprachkünstlerisch gestaltet und/oder ihrem Inhalt nach fiktional ist. [Zitat aus Schneider, Jost: Einführung in die moderne Literaturwissenschaft. 5. Auflage. Bielefeld 2008.]

Aus dem ehemaligen Handwerker soll eben also doch ein wenig Kunst kommen, und zwar nicht nur im Rahmen der Textbeschreibung sondern auch in dem der Textgestaltung. Literatur ist eben doch etwas was einen Anspruch erhebt – Ästhetik eben.
Darum kann ich bei bestem Willen auch sowas wie Shades of Grey nicht als anspruchsvolle Literatur (hinsichtlich der Sprachgestaltung) bezeichnen, denn hier fehlt einfach jegliches Fünkchen Anspruch.
Ich mag es wenn ein Buch metaphorisch und gesellschaftskritisch angehaucht ist, ohne, dass man es auf anhieb merkt…und ich mag es, wenn man sich nach der Lektüre über den Inhalt eines Buches Gedanken machen muss. Wenn es einem Autor gelingt mich mit sprachlichen Mitteln aus der Bahn zu werfen und mir vollkommen neue Erzählperspektiven und Stilmitteln seine Meinung und seine Geschichte zu vermitteln, dann ist das für mich Literatur. Ich will in einem Buch nicht nur die Worte erkennen, die ein Autor bedacht aufgeschrieben hat, sondern auch das, was er hinter den Buchstaben versteckt hat.

Trivialliteratur
Klar, andere Bücher sind auch etwas was sich Literatur nennt, aber eben belanglose nichts-aussagende Alltagstexte, die lediglich dem Vergnügen und der Flucht aus dem Alltag dienen. Solche Bücher lese ich auch, wenn ich mich mal nicht mit „dem Kanon“ befassen möchte.
Mein Problem ist nur, dass ich jedes Mal wenn ich so ein Buch lese das Gefühl habe zwar etwas leicht und verständlich geschriebenes zu lesen, aber aus diesem Text absolut nichts für mein Weltbild und mein Leben mitnehmen kann. Ich genieße es einfach zu sehr mich mit Fragen auseinander zu setzen wie „Was will der Autor uns damit sagen?“, und da liegt bei mir das Problem mit der Trivialliteratur: Der Autor hat nicht die Absicht etwas mit seinem Buch auszusagen.
Ich hatte 2007 zu Weihnachten „Biss zum Morgengrauen“ von Stephenie Meyer geschenkt bekommen, das Buch war mir von Anfang an irgendwie nicht so recht…der Schreibstil platt, die Story irgendwie langweilig, aber den Leuten schien es zu gefallen – mir nicht, und so brauchte ich geschlagene drei Monate um das Buch zuende zulesen um dann ein Jahr später die Fortsetzung geschenkt zu bekommen. Da finde ich so Bücher wie „Harry Potter“ oder „Der kleine Hobbit“ doch deutlich besser, denn hier passt einfach alles zusammen. Der einzige Vorteil den ich in solchen Büchern wie Twighlight sehe, ist der, dass die Leute wieder anfangen zu lesen und das finde ich persönlich toll.
Die einzige Frage bleibt nur, wieso die Leute sowas lesen, wobei es doch bei weitem besseres gibt.
Wenn ich mich mit Trivialliteratur begnüge, so wie in den letzten Wochen leider viel zu oft (Shades of Grey lässt grüßen), dann wirklich nur zur Abwechslung und da kommt es schonmal vor, dass ich mit meinen Gedanken abschweife und mich sinnvolleren Dingen widme (ich lese übrigens gerade Seth Grahame-Smiths „Abraham Lincoln Vampirjäger“, eine Geschichte die immerhin ein wenig interessant ist und gut geschrieben ist).

Die Zukunft
Wie sieht sie aus, die Zukunft der Bücher? Wollen die Leute noch anspruchsvolles lesen, was nicht zum Seelenbaumeln taugt? Ich bin mir da immer wieder unschlüssig. Unterhaltungsliteratur wird auf den Markt geschmissen wie nichts gutes (wenn ich wollte könnte ich nicht so viele Bücher lesen wie sie monatlich erscheinen), und von den bedeutenden Verlagen bekommt man ohne den Feuilleton, einen gut sortierten Buchhandel oder ausführliche Internetrecherchen kaum noch etwas mit. Vielleicht hat mir das Studium einen vollkommen anderen Blick auf Literatur beschert, aber irgendwie merkt man, dass der Trend immer weiter zur Unterhaltungsliteratur geht, und das ist verdammt schade.

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3 Kommentare zu “Worum es (mir) geht”

  1. Hallo!
    Du fragst: „Wollen die Leute noch anspruchsvolles lesen, was nicht zum Seelenbaumeln taugt?“ Ja. Bzw.: nein. Denn: Auch Anspruchsvolles taugt zum Seelenbaumeln. Nämlich, wenn man darunter – wie ich – versteht, dass einen die Literatur weg vom Alltag bringen kann.
    Grüsse
    sandhofer

    1. Okay, guter Ansatz 😉 ich stümme dir da auch in jedem Fall zu, denn niemand quält sich freiwillig durch Literatur (wenn es mich quälen würde, würde ich wahrscheinlich nicht so unglaublich gerne lesen). Problematisch ist nur die Sicht des Lesers, der bewusst auf anspruchsvolleres verzichtet ohne überhaupt zu wissen was ihn erwartet 😉

      lg

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