Traum oder Wirklichkeit

Der Sandmann ist eine Erzählung, die in die Psyche des Protagonisten eindringt, und dem Leser selbst die Wahl lässt, ob das, was dieser erlebt Traum oder Wirklichkeit ist. Ich persönlich habe die Erzählung bereits mehrfach gelesen und möchte hier nun eine etwas längere Rezension vorstellen, die eine recht große Inhaltsangabe mit sich trägt. Wer den Sandmann bereits gelesen hat kann den ersten Teil der Rezension getrost überspringen ^^

Alles beginnt mit dem jungen Studenten Nathanael, der seinem alten Freund Lothar einen Brief schreibt. Er berichtet von einem Erlebnis aus seiner Kindheit: Als Nathanael acht Jahre alt war, wurde ihm jeden Abend erzählt, dass wenn er nicht zeitig schlafen gehen würde der Sandmann kommen würde und ihm die Augen auskratzen würde. Gleichzeitig vernahm der Junge jeden Abend laute Schritte auf dem Gang, die zu dem Arbeitszimmer seines Vaters führten. Er beschließt dem ganzen auf den Grund zu gehen und schleicht sich eines Tages, anstatt schlafen zu gehen, in das bereits erwähnte Arbeitszimmer und versteckt sich, nach dem Vernehmen von Schritten und Stimmen in einem Schrank. Daraufhin beobachtet er seinen Vater, wie er mit dem Advokaten Coppelius alchemistische Experimente durchführt. Nathanael wird von Coppelius entdeckt, welcher ihm daraufhin voller Wut droht ihm die Augen auszukratzen. Dadurch, dass Nathanel dieses Handeln vorher immer mit dem „Sandmann“ assoziiert hat, tritt nun Coppelius in seiner Fantasie an Stelle dieser mystischen Figur. Nun, wo Nathanael längst sein Elternhaus verlassen hat, tritt dieses längst verdrängte Erlebnis wieder in sein Gedächtnis, denn er ist tatsächlich auf einen Mann getroffen, der dem Advokaten vom Aussehen her absolut gleicht – den Wetterglashändler Coppola. Dieser merkwürdige Mann, will dem Protagonisten mit seinen Gläsern „Sköne Oke“   (also schöne Augen) verkaufen. Nathanael gerät in einen Verwirrtheitszustand.

Nicht nur Lothar liest diesen Bericht Nathanael’s sondern auch seine Schwester und Nathanaels Verlobte Clara. Sie macht sich Sorgen um seinen Gemütszustand und überzeugt ihn scheinbar(!) in einem Brief, dass es sich bei Coppola gewiss nicht um den Advokaten handle. Der Student verfasst einen weiteren Brief an Lothar, indem er nicht nur über Claras überraschende Antwort, sondern auch über eine hinreißende Frauengestalt berichtet, welche er stets am Fenster eines nahegelegenen Hauses, dem des Professors Spalanzani, sitzen sieht.

Folgend trifft der Leser auf einen Umbruch, der von einer reinen Brieferzählung auf eine intradiegetische Erzählweise eines Bekannten Nathanaels, Siegfrieds, wechselt. Man erfährt nicht nur, dass der junge Student in eine Art philosophisches Tief fällt, was seiner Verlobten zuwider ist, sondern auch, dass er dem Wetterglashändler Coppola ein Perspektiv abkauft. Als er durch das Perspektiv aus seinem Fenster blickt und Spalanzanis „Tochter“ Olimpia erblickt, die im Übrigen ein Automat ist, also eine Art androide Maschine, verliebt er sich unweigerlich in ihre Schönheit. Nathanael begreift zuerst nicht, dass es sich bei Olimpia um keinen Menschen handelt, und beschließt, ihr nach einiger Zeit in der er sie „näher kennenlernen“ konnte einen Heiratsantrag zu machen. Als er zu Spalanzani geht, wird er Zeuge eines heftigen Streits zwischen Coppola und dem Professor, in dem dieser den Wetterglashändler eindeutig „Coppelius“ nennt. Der Wetterglashändler schafft es jedoch vor einem Angriff Nathanaels zu fliehen. Der Student muss nach all diesen Verwirrungen, die ihn nun in den Wahnsinn stürzen, für unbestimmte Zeit in ein Tollhaus. Einige Zeit später besichtigen Nathanel und seine stets Verlobte einen Aussichtsturm, als er herunterblickt sieht er Coppelius, der wie einst Coppola „Sköne Oke“ heraufruft. Der Protagonist stürzt sich, scheinbar durch Rückfall seiner psychischen Situation, vom Turm und stirbt.

Diese Erzählung, die die erste Geschichte des ersten Bandes der Nachtstücke bildet, ist wahrscheinlich die mit Abstand meist diskutierte Erzählung des Romanciers E.T.A. Hoffmann. Die Frage was Wahn und Wirklichkeit sei, und ob Nathanael denn im Recht liegt, steht offen. Mit diesem Aufbau der Geschichte, und dem sogenannten „Doppelgängermotiv“, von dem vor allem in der schwarzen Romantik Gebrauch gemacht wurde, schafft der Autor die Möglichkeit in zwei voneinander scheinbar unabhängigen Personen eine Identität zu schaffen, von der man nicht weiß, ob es sich nun wirklich um jene zwei Personen, oder um eine Person handelt. Die Auslegung setzt sich sehr mit der Psyche des Protagonisten auseinander, so wie es auch Sigmund Freud um 1900 mit seiner Psychoanalyse bzw. der Traumdeutung getan hat, gleichzeitig bekommt der Leser hier noch eine Erzählung vorgelegt, die sich ganz klar von dem „blumigen“ Werken der Romantik und der Lichtmetaphorik der Aufklärung absetzt und sich ernsthaft mit dem Schauerlichen befasst. Hier trifft der Leser auch erstmals auf perspektivisches Erzählen, in der von einer außenstehenden, intradiegetischen, Person berichtet wird. Gleichzusetzen ist diese Erzählung der schwarzen Romantik bspw. mit dem britischen Vorbild der Gothic Novel, die unter anderem Edgar Allan Poe zum Vorreiter erkoren hat.

So, wie bereits erwähnt kannte ich diese Erzählung bereits vor dem Beginn des Lesens der Nachtstücke. Sie hat mich schon vor einigen Jahren in ihren Bann gezogen und hat mir dabei geholfen mich in der Schulzeit erstmals ernsthaft mit dem Sinn hinter Literatur zu beschäftigen. Klar, es ist ein Klassiker, und in die muss man sich ja meist zuerst ein wenig einfinden, dennoch lohnt sich die Lektüre dieser kurzen und dennoch komplexen Erzählung in jedem Fall. Hoffmann stellt den Leser vor ein unaufgedecktes Rätsel, was unweigerlich dafür sorgt, dass sich dieser mit der Geschichte beschäftigt und sich vor Augen führt, wie es dem Protagonisten in dieser Situation geht. Es geht nicht nur um ein psychisches Problem Seiten Nathanaels, sondern auch um das niemals verarbeitete Geschehnis in seiner Kindheit. Sprachlich zwar in einem gehobenen Stil ist diese Erzählung auf jeden Fall auch für Laien interessant und lesbar.

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