Eine Superbia-Kritik ohne Gleichen

Mit „Frankenstein“ schaffte Mary Shelley 1816 einen dunklen gesellschaftskritischen Roman.

Robert Walton befindet sich auf einem Schiff im Eismeer. Er und seine Schiffskameraden bleiben im Eis stecken, auf welchem wenig später ein Mann auftaucht, der dem Tode nahe ist. Sein Name ist Victor Frankenstein.
Walton kommt mit dem jungen Naturwissenschaftler ins Gespräch und so berichtet er ihm von seiner Suche nach dem dämonischen Unhold, den er einst selbst erschaffen hat, und der ihm, bzw. seinen Familienmitgliedern viele grausame Dinge angetan hat. Er notiert diese Erzählung und verfasst sie in einem Brief an seine Schwester.

Victor Frankenstein stammt aus Genf, und hat ein Studium der Naturwissenschaften in Ingolstadt absolviert. Während seines Studiums befasste er sich zunehmend mit der menschlichen Materie und schafft sich selbst einen Menschen, den er eigenhändig zum Leben erweckt. Als dieses Wesen erwacht, ist Frankenstein jedoch so erschrocken von dessen Gestalt, dass er schlagartig die Flucht ergreift.
Nachfolgend beginnt Frankensteins erschaffenes Monster, welches im Roman stets als Unhold oder dämonische Kreatur bezeichnet wird, nicht nur Frankensteins Familie zu ermorden, sondern auch später dessen besten Freund. Der Unhold und sein Schöpfer treffen aufeinander, und Victor erfährt, dass die Kreatur ursprünglich einen guten Willen hatte und nur bösartig geworden ist, weil die Gesellschaft ihn zu einem bösen Wesen gemacht hat. Von den Menschen die er (über lange Zeit) gesehen und beobachtet hatte, wurde er genau so zurückgestoßen, wie einst von Frankenstein selbst…aus diesem Grund hat er seinem Schöpfer Rache geschworen.

Die Geschichte um Dr. Frankenstein und sein erschaffenes Wesen zeigt die Oberflächlichkeit und die Überheblichkeit der Menschheit auf, die ein gutmütiges Geschöpf zu einem dämonenähnlichen Wesen mutieren lässt – der Roman stellt also eine Superbia-Kritik, die für die Epoche der englischen Spätromantik typisch ist. Durch das furchterregende Aussehen des „Unholds“ glauben die Menschen vom Anfang an, Misstrauen und Angst gegenüber einer Kreatur haben zu müssen, die eigentlich keine bösen Hintergedanken hat. Die Persönlichkeit des Wesens ist durch seine Vergangenheit, in der es von der Gesellschaft nicht akzeptiert wurde, geprägt, sie gleicht dem Byronschen Helden. Die Handlung erinnert an die Abstoßung Lucifers im Christentum, und stellt gleichzeitig einen Teil der Spätromantik dar, in der das Böse und Furchterregende in Wirklichkeit gar nicht so schlecht und böswillig ist, wie es die Gesellschaft denkt.

Stilistisch gewinnt der Roman gerade durch den berichthaften Erzählstil an Authentizität, sodass man selbst glaubt, dass man eine Mitschrift einer Erzählung liest. Gerade die Verschachtelung der verschiedenen Erzählebenen, machen den Roman lesenswert.
Der extradiegetische Erzähler ist in diesem Fall der Reisende Robert Walton, der seiner Schwester in einem Brief über die Geschichte Frankensteins berichtet. Frankenstein selbst ist der intradiegetische Erzähler, der Walton seine Geschichte vermittelt.
Frankensteins Monster spiegelt den metadiegetischen Erzähler wieder.

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Kurze eigene Meinung: Der Roman von Mary W. Shelley ist ein Roman in den man sich erst einmal hineinfinden muss. Sprachlich entspricht das Ganze nicht mehr unserer heutigen Redeweise, und so wirken die ersten 80 Seiten noch recht trocken und gewöhnungsbedürftig.
Mir hat das Buch trotzdem unglaublich gut gefallen, auch wenn sich die Handlung unendlich lang zieht…ein paar Elipsen wären zum besseren Lesen vorteilhaft gewesen, dennoch begeistert die Handlung, da sie insgesamt auf ein heute immer noch aktuelles und gesellschaftliches Problem – das des Übermuts und der Oberflächlichkeit – hinweist.

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