Die Begegnung zweier Seelen

Milena Michiko Flašar schafft mit „ich nannte ihn Krawatte“ einen ehrlichen und realistischen Roman

Der zwanzigjährige Japaner Taguchi Hiro lebt zwei Jahre lang ohne sozialen Kontakt zur Außenwelt in seinem Zimmer und beobachtet die Welt lediglich aus seinem Fenster. Er ist ein sogenannter Hikikomori.  Als er sich erstmals aus seinem dunklen Zimmer heraus traut begibt er sich in den städtischen Park und trifft dort jeden Tag auf einen krawattentragenden Büroangestellten, der von morgens bis abends auf der gegenüberstehenden Parkbank sitzt und Zeitung liest oder sein mitgebrachtes Essen verspeist. Beide sitzen sich lediglich gegenüber und ohne den Namen des Mannes zu wissen nennt er ihn intuitiv „Krawatte“. Nach einiger Zeit kommen die beiden Charaktere in ein vorerst zurückhaltendes Gespräch, später berichten sie einander über ihre Erlebnisse.

Der Büroangestellte, Ohara Tetsu, erzählt, dass er vor einiger Zeit seine Arbeit verloren habe und sich nicht traut seiner Frau davon zu berichten. Er erzählt von dem Leistungsdruck unter dem er bei seiner Arbeit ständig stand, der Befreiung aus dem Alltag und dem Schmerz dem er täglich beim Anlügen seiner Frau ausgesetzt ist. Der jugendliche Taguchi Hiro berichtet über die Zeit in der er sich selbst von der Außenwelt abgeschottet hat, von der Abgrenzung zu seinen Eltern und von dem Grund wieso er sich für ein Leben als Hikikomori entschieden hat. So unterschiedlich die beiden Charaktere in diesem Roman auch zu sein scheinen, eines haben sie gemeinsam – sie sind Einzelgänger.

Die 32-jährige Autorin Milena Michiko Flašar, selbst halb Japanerin und halb Österreicherin, schafft mit diesem kurzen Roman, 2012 im Verlag Klaus Wagenbach erschienen, eine Geschichte voller Lügen, Trauer und Einsamkeit verpackt in einen sehr seichten Schreibstil. Die Schreibe der Autorin, die hier ihren dritten Roman vorlegt, mag anfangs gewöhnungsbedürftig sein, dennoch fühlt man sich mit Sätzen wie „Als du mich fragtest ob ich Kinder. Kyoko und ich. Wir haben. Wir hatten einen Sohn“ in einen authentischen und vor allem mitfühlenden Erzählstrang hineinversetzt, der die Gedanken der beiden Protagonisten inklusive aller Hemmungen zwar stark fragmentarisch aber realistisch ausdrückt. Nicht zu Letzt die Erzählweise, bei der man oft nicht weiß aus wessen Sicht erzählt wird oder ob es Gedanken oder gesprochene Worte sind, die dem Leser da in kürzesten Sätzen präsentiert werden begeistern nach einer kurzen Eingewöhnungsphase. Die auf 134 Seiten verteilten 114 Kapitel wirken leider teils recht unstrukturiert, sodass mehrere Kapitel inhaltlich auch zu einem Kapitel zusammengeführt werden könnten.

Inhaltlich befasst sich der Roman mit einem Thema, was nicht zwingend in Japan sondern auch in der westlichen Welt spielen könnte. Der Gesellschaftsdruck unter dem heute auch in Europa viele Menschen leben und arbeiten müssen, die Angst zu versagen und seinen engsten Verwandten und Freunden die Wahrheit über seinen Misserfolg zu beichten ist heute so enorm, dass der Roman geradlinig den wunden Punkt unserer Zeit trifft. Auch das Schicksal Jugendlicher, sich von der Außenwelt abzuschotten und den Kontakt zu den engsten Bezugspersonen abzubrechen ist in unserer Gesellschaft kein Einzelfall mehr, und so bekommt der Leser in dem kurzen aber inhaltlich stimmigen Roman mit, wie sich der Protagonist der Geschichte nach und nach wieder an das städtische Leben und den Alltag gewöhnt. Gerade die Dichotomie zwischen Jung und Alt wird hier zu einem mitreißenden Dialog, der aus einer eher mürben Bekanntschaft eine Freundschaft zeugt, die bis zum Tod geht und in Tränen endet.

Mit dem Zitat „Krankheit ist das Festhalten an einer Illusion. Die Einsamkeit, während man daran festhält“ lässt sich in zwei kurzen Sätzen ein Fazit für den gesamten Roman festhalten. Beide Charaktere in diesem Buch sind kranke Persönlichkeiten. Der eine lebt lieber in einer Illusion, die seiner Frau die Arbeitslosigkeit verschweigt, der andere hingegen beginnt aus einer Irrealität zu flüchten und die fremde Welt erneut kennenzulernen, die er Jahre zuvor verlassen hat. Flašars Roman mag auf den ersten Blick eine schnelle und vor allem bequeme Lektüre darstellen, dennoch birgt diese Geschichte mehr – ein Stück Identifikation.

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